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Malteser Bodensee

SÜDKURIER Konstanz: Schweres Unwetter in Konstanz: Als sich ein Abend anfühlte wie ein Weltuntergang

10.07.2017

Ein heftiges Unwetter mit Sturm und Hagel löste am Samstag mehr als 120 Feuerwehreinsätze aus – auch DLRG und Rettungsdienste waren nach zahlreichen Notrufen über Stunden gefordert. Die Höhe der Schäden lässt sich auch am Tag danach noch nicht beziffern.

Und hopp. Torsten Bächle und Fabian Hafner packen die schwere Kiste aus Edelstahl, wuchten sie auf Brusthöhe hinauf, bugsieren sie ins Schubfach und arretieren sie. Innendrin ist das für die Konstanzer Feuerwehr wohl wichtigste Ausrüstungsteil – eine Tauchpumpe.

Eben haben sie aus dem Keller des Kindergartens Maria Hilf das Wasser abgepumpt. Zehn Zentimeter tief standen kleine Stühlchen und Bastelmaterial, Spielsachen und Kleiderständer für die Basare unter Wasser. Hausmeister Reinhold Buckenmaier schiebt noch mit der Schneeschippe die nasse Bescherung in Richtung Ablauf, sein Kollege aus dem Kindergarten St. Georg, Michael Schäffauer, hilft. Man nimmt, was man hat, und man weiß: Das wahre Ausmaß des Schadens wird sich erst in den nächsten Tagen erweisen.

Draußen sammeln sich die Freiwilligen des Löschzugs acht. Mit speziellen Saugern und Pumpen haben sie das Gröbste geschafft, und ihnen ist die Erschöpfung ein wenig anzusehen. Mehr als 120 Einsätze hatte die Konstanzer Feuerwehr zwischen 16.30 Uhr und Mitternacht an diesem Samstag zu bewältigen.

Stark­regen, Sturm und Hagel, nach einer langen Hitzeperiode in Konstanz eigentlich nicht so ungewöhnlich. Doch dass es so dicke kommen würde, dass "wie ein Weltuntergang" zur Formulierung des Abends wird, das ist dann doch überraschend.

Noch eine Stunde bevor es losgeht, kann kaum einer vorhersehen, wie sich der Samstagabend entwickeln würde. Am Hörnle liegen tausende Badegäste. Sie beobachten, wie seit Stunden schon ein schweres Gewitter über dem Linzgau zu liegen scheint. Hinter der Birnau ist der Himmel fast nachtschwarz, während der Obersee und die Meersburger Altstadt in der Sonne liegen.

Als der Wind auffrischt, verstehen viele, dass es jetzt Zeit ist zu gehen. Diejenigen, die es etwas ruhiger angehen lassen, stehen plötzlich im eiskalten Regen, in den sich immer mehr Hagelkörner mischen.

Für den Brandmeister vom Dienst bei der Feuerwehr wird schnell klar, dass er so viele Einsatzkräfte braucht wie möglich. Um 17.30 Uhr löst er, wie Pressesprecher Christopher Kutscher berichtet, Unwettervoralarm aus. Führungskräfte, die Führungsgruppe und die hauptamtlichen Mitarbeiter werden herbeigerufen, dann die Freiwilligen in allen sieben Löschbereichen alarmiert.

Irgendwann kommt ein Hilferuf vom Roten Kreuz. Ausgerechnet vor der Wache in der Luisenstraße droht ein Baum in die Ausfahrt der Rettungsfahrzeuge zu fallen – ein fatales Szenario. Mitten im Sturm und Wolkenbruch können die Feuerwehrleute den Baum sichern.

Klar wird auch: In ganz Konstanz regnet es zwar wie seit langem nicht mehr, aber nicht alle Stadtteile sind gleichermaßen betroffen. In einer ersten Bilanz bestätigt Feuerwehr-Sprecher Kutschker, dass das Wetter vor allem in Petershausen, Allmannsdorf und Staad wütete.

Die Unterführung am Sternenplatz läuft zum wiederholten Male voll. In der Mainaustraße, am Zähringerplatz und am Tannenhof werden Bäume entwurzelt. Doch die Folgen sind weit über die am meisten betroffenen Bereiche hinaus zu spüren. Auch in der Laube steht das Wasser innerhalb kürzester Zeit knöcheltief. Der Zugverkehr wird vorübergehend eingestellt. Ein Taxi zu bekommen, ist aussichtslos.

Am Klinikum stehen die Aufzüge

Die wohl schwersten Folgen hat das Unwetter am Klinikum Konstanz. Wasser im Aufzugsschacht, so wird es der Feuerwehr gemeldet. Weil auf dem Dach Abflüsse verstopft sind, hält es den Wassermassen nicht mehr stand. Ein Techniker muss alle Fahrstühle vorübergehend stillegen.

Die Integrierte Leitstelle ruft die Verantwortlichen im Klinikum zu einer Krisensitzung zusammen, man einigt sich auf eine Sondereinsatzgruppe des Malteser Hilfsdienstes. Deren Kräfte helfen beim Tragen, wenn die Verlegung eines Patienten unumgänglich ist. Das Technische Hilfswerk bringt unterdessen Sandsäcke und Planen, um ein weiteres Eindringen des Wassers zu verhindern. Erst am Sonntagmorgen gegen 9 Uhr können die Malteser den Einsatzort verlassen, weil die Aufzüge wieder betriebsbereit sind.

Ganz in der Nähe, in der Mainaustraße, fällt ein Baum auf die Straße. In einer ersten Meldung heißt es, ein Auto sei getroffen worden, in dem sich noch eine Person befinde. Doch die Insassen des Audi mit Zürcher Kennzeichen können sich selbst befreien – wie überhaupt während des stundenlangen Unwetters kein Mensch zu Schaden kommt. "Da haben wir ganz großes Glück gehabt", sagt Feuerwehr-Sprecher Kutschker am Sonntagnachmittag in einer ersten Bilanz.

Denn auch an der Universität gab es einen gewaltigen Wasserschaden, eine Sporthalle erinnerte zeitweise eher an ein Schwimmbad. Während die Strandbäder und das Zirkuszelt auf Klein-Venedig gut besucht sind und diszipliniert geräumt werden, sind andere stark betroffene Bereiche nur gering frequentiert.

Doch nicht alle verhalten sich vernünftig, wie Christoph Kutschker sagt. Als das Wasser in der Bahn-Unterführung am Sternenplatz schon knietief stand, fuhren nach seinen Worten noch immer Autos in die undurchsichtige braune Brühe.

Das Technische Hilfswerk musste einige Autos aus dem Matsch schleppen, über die Höhe der Schäden gibt es, wie überall, noch noch einmal Schätzungen. Das Polizeipräsidium Konstanz vermeldet lapidar "witterungsbedingte Schadensereignisse" in mehreren Landkreisen, bei denen keine Personen verletzt worden seien.

Neben der Feuerwehr ist auch die DRLG gefordert. Als in der Leitstelle die Meldung eingeht, beim Fährehafen in Staad treibe ein leeres Schlauchboot, arbeiten Feuerwehr und DRLG eng zusammen. Ein Fährekapitän hatte den Alarm abgesetzt. Am Ende stellt sich heraus: Es handelt sich um das Beiboot eines Schiffs, das im Bojenfeld westlich des Fährehafens lag.

Dort kentert und sinkt ein Segelboot, die DLRG pumpt es aus und richtet es auf. Clemens Menge sagt: "Es war eine tolle Zusammenarbeit, wir konnten uns die Aufgaben sehr gut aufteilen." Denn auch vollgelaufene Fischerboote und ein abgerissenes Seezeichen hielten die Wasserretter in Atem. Auch bei der DLRG sind zahlreiche Ehrenamtliche im Einsatz, erst gegen 22 Uhr haben sie es geschafft.

Als der Abend überstanden ist, ist die Erleichterung groß. Stadträtin Christine Finke lobt die umsichtige Arbeit des Personals, das eine Panik im Rheinstrandbad verhindert hat. Clemens Menge spricht voller Respekt von zahllosen Hörnle-Besuchern, die das Freibad gut geordnet verlassen haben. Oberbürgermeister Uli Burchardt schreibt auf dem Kurznachrichtendienst Twitter: "Danke an unsere Feuerwehr und alle HelferInnen!"

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