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Malteser Bodensee

SÜDKURIER Konstanz: Wenn es an der Kasse plötzlich schwierig wird

03.10.2013
Herausforderung Einkauf: Dieser ältere Herr aus Konstanz hat damit überhaupt keine Probleme. Seinen Namen möchte er dennoch nicht so gerne in der Zeitung lesen – Demenz ist noch immer auch ein Tabu-Thema. Malteser und Caritas kämpfen dagegen an. Bild: Hanser

Konstanz - Wenn die Menschen immer älter werden, ist das auch für den Einzelhandel eine große Herausforderung. Caritas und Malteser betreten in Konstanz mit Personal-Schulungen Neuland.

Auf dem Kassenband liegen neun gleiche Stück Seife. Beim Griff in den Geldbeutel wird die Kundin plötzlich unsicher. Ein Hochbetagter fragt zwischen Nudeln und Konserven plötzlich nach seiner Mutter. Solche Szenen kennen viele, die im Einzelhandel arbeiten, und fast alle kennen sie auch das Gefühl der eigenen Unsicherheit, was Sie denn nun tun sollen. Der Kundin sagen, dass zwei Stücke Seife doch sicher ausreichen? Angesichts der Kassenschlange ein genervtes Gesicht machen oder gar das Portemonnaie nehmen mit den Worten „Ich mach das mal für Sie“? Einen verwirrten alten Menschen mit seiner Not allein lassen?

Das sind alles menschliche, aber falsche Reaktionen, sagt Silvia Baumann von den Konstanzer Maltestern. Und Schimpfen ist nicht nur demütigend, sondern setzt auch eine Spirale der Hilflosigkeit weiter in Gang, die die Betroffenen weiter einsam macht, ergänzt Caritas-Chef Andreas Hoffmann. Weil es auch besser geht und das gar nicht so schwierig ist, haben sich die beiden Sozialdienste zusammengetan und bieten jetzt Schulungen an. Für Mitarbeiter im Einzelhandel, damit sie mit an Demenz erkrankten Kunden besser klarkommen und die Betroffenen das wichtige Stück Selbstständigkeit des eigenen Einkaufens lange behalten.

Im Einzelhandelsverband Südbaden haben sie einen Partner gefunden, der ebenfalls erkannt hat, was auf die Gesellschaft zukommt: Es gibt immer mehr Hochbetagte. Die Zahl der Demenzkranken – Baumann spricht lieber von „dementiell veränderten“ Menschen – steigt nach vielen Studien rapide an. In Deutschland werden es nach bisherigen Schätzungen im Jahr 2050 bis zu drei Millionen sein, über 3000 also allein in Konstanz. Dass sich der Handel darauf einstellt, sagt Verbands-Managerin Sabine Zufahl, ist auch eine Anpassung an die Demografie. Natürlich mache die zunehmende Anonymität beim Einkaufen und der Rückgang inhabergeführter Geschäfte es nicht leichter, auch demenzkranke Kunden angemessen zu bedienen, sagt Zufahl.

„Sozialkompetenz allein reicht nicht“, ergänzt Andreas Hoffmann: „Typisch bei Demenz ist, dass Menschen in schwierigen Situationen verunsichert werden“ – aber wer kann schon einschätzen, ob der Allerweltsschauplatz Ladenkasse für einen Kunden schon eine schwierige Situation ist? Gerade für Familienunternehmen liege eine große Chance in der Zuwendung zu Kunden mit besonderen Bedürfnissen, ist sich Zufahl sicher.

Weitergehende Pläne haben Caritas und Malteser, in vielen anderen Bereichen durchaus Konkurrenten, auch schon: Das Schulungsangebot könnte auf andere Branchen wie Banken, Handwerk oder Gastronomie ausgeweitet werden. Jetzt stehen erst einmal weitere Abende an mit Personal aus dem Einzelhandel. Bei der Premiere kamen immerhin elf Teilnehmer, und es dauerte viel länger als die geplanten eineinhalb Stunden. Der Informationsbedarf war groß, berichtet Silvia Baumann. Das Problem mit den neun Stücken Seife ist erkannt.

Kunden mit Demenz: Hier finden Firmen Hilfe

Die Ausgangslage: Die Zahl von Menschen mit dementiellen Erkrankungen wie Alzheimer zu. Oft haben die Betroffenen Schwierigkeiten, früher selbstverständliche Tätigkeiten zu meistern. Dazu gehört der Einkauf in einer zunehmend anonymen und beschleunigten Dienstleistungswelt. Besonders wichtig ist das für Patienten, die noch zu Hause wohnen und sich auch selbst versorgen können.
Das Angebot: Caritas und Malteser bieten Schulungsabende, die für Einzelhandels-Mitarbeiter und Unternehmen komplett kostenlos sind. Nächste Termine sind 8. und 15. Oktober (dienstags) sowie 6. und 20. November (mittwochs). Beginn ins jeweils um 19 Uhr, geplant sind eineinhalb Stunden. Die Träger appellieren an Firmen, ihre Mitarbeiter für die Schulungen bezahlt freizustellen.
Die Ansprechpartner: Unternehmen oder Mitarbeiter können sich an die Maltester (Telefon 0 75 31/81 04-0) oder die Caritas Konstanz (Telefon 0 75 31/12 00-0) wenden. Die Träger bieten auch zusätzliche Termine an und kommen bei Bedarf für die Schulungen auch direkt in die Betriebe. Der Einzelhandelsverband bietet außerdem eine Zertifizierung „generationsfreundliches Einkaufen“ an.

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