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SCHWAEBISCHE Zeitung Sigmaringen: Großübung: So bereiten sich die Einsatzkräfte auf Ernstfälle in der LEA vor

29.09.2019
(Foto: Thomas Warnack)

Ein realistisches Szenario: Ein Großbrand in einem Gebäude, eingeschlossene Bewohner schreien um Hilfe. Hinzu kommen sprachliche Barrieren und teilweise traumatisierte Personen.

Nicht nur diese Lage erfordert im Ernstfall ein sofortiges und koordiniertes Handeln aller Beteiligten. Deshalb haben Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr, Behörden und Organisationen am Samstagvormittag in der Sigmaringer Landeserstaufnahmestelle (LEA) unter Regie des Regierungspräsidiums Tübingen eine gemeinsame Großübung durchgeführt.

Ziel war die effektive Bewältigung von Großeinsätzen in öffentlichen Gebäuden der LEA. Verschiedene Szenarien wurden nachgestellt, unter anderem ein fingierter Großbrand, ausgelöst durch einen technischen Defekt. Zahlreiche Feuerwehr- und Rettungsfahrzeuge sowie über 80 Statisten, die Verletzte oder Betroffene mimten, waren im Einsatz.

Regierungspräsident Klaus Tapeser unterstrich in seinen Begrüßungsworten die Notwendigkeit der Übungen. „Wir müssen schauen, was läuft, wie es läuft und was besser gemacht werden kann.“ Nur was immer wieder geübt werde, kann letzten Endes gut klappen. 400 beteiligte Personen, davon allein 120 Feuerwehrmänner und -frauen, Polizei, Notfallseelsorger, Rettungskräfte, THW, Statisten - eine logistische Herkulesaufgabe. Die Bewohner der LEA waren in die Übung nicht mit involviert, wurden aber im Vorfeld informiert.

Das Hauptszenario der Übung bildete ein fingierter Großbrand in einem Gebäude. Mehrere Bewohner verließen verletzt und panisch das Haus, andere riefen aus den Fenstern um Hilfe. Immer wieder flogen Matratzen aus den Fenstern, als Zeichen, selbst springen zu wollen.

Der Sicherheitsdienst vor Ort verschaffte sich einen Überblick, versuchte die Lage bis zum Eintreffen der Rettungsdienste unter Kontrolle zu halten. „Der Sicherheitsdienst eruiert, alarmiert und meldet die Gefahrenlage“, erläuterte Bezirksbrandmeister Siegfried Hollstein, der für die Übungssteuerung verantwortlich war. „An der Rauchgrenze ist für die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes Schluss, sonst gefährden sie sich selbst und müssen zusätzlich gerettet werden.“ Das bringe im Ende niemandem etwas.

Der Kommandowagen und das Einsatzleitfahrzeug der Feuerwehr waren als erste vor Ort, nur wenige Minuten nach der Alarmierung. „Hier merkt man, wie zäh die Minuten vergehen“, bemerkte ein außenstehender Zuschauer. Zur Übung waren Vertreter von Landkreis und Stadt eingeladen worden.

Bereits mit Eintreffen der zahlreichen Rettungsfahrzeuge offenbarte sich ein nicht zu unterschätzendes logistisches Problem, das Freihalten der Rettungswege. Spezielle Bereitstellungsräume mussten eingerichtet und von den Fahrzeugen angesteuert werden, um sich nicht gegenseitig zu behindern. Die Aufgabe der Polizei, so Pressesprecher Oliver Weißflog, beschränkt sich in diesem Handlungsgemenge hauptsächlich auf flankierende Maßnahmen. „Schaulustige fernzuhalten, Rettungswege und Einsatzbereiche freizuhalten, dafür sorgen wir. Unsere eigentliche Arbeit beginnt erst nach der Brandbekämpfung.“

Malteser und DRK übernahmen das Versorgen der Verletzten, in einem abseits liegenden Bereich, rausgelöst vom Brandherd. Geschminkt von der Jugendfeuerwehr, spielten manche Statisten ihre Rolle als Verletzter oder Verwirrter sehr überzeugend. „Please sit down“, mussten sie immer wieder von den Sanitätern aufgefordert werden.

„So ein Szenario ist nicht in drei Stunden gevespert“, merkte Matthias Denzel, Einsatzleiter des THW, auf dem Weg zur Polizeiwache an. Viele Faktoren spielten eine Rolle – bei Übungen sind sie planbar, im Ernstfall nicht. „Das ist der Luxus der Übungen“, resümierte Tapeser.

Auftaktszenario bildete ein Stromausfall, flächendeckend in der Region Sigmaringen über mehrere Tage. Das THW wurde angefordert, das Notstromaggregat aufgebaut. Die Verlegung der momentan 458 LEA-Bewohner nach Ellwangen hat ein eigens dafür eingerichteter Interventionsstab koordiniert. Andreas Binder, Leiter der LEA, fungierte gleichzeitig auch als Leiter des Stabs.

In der Polizeiwache wurde ein drittes Szenario geübt. Ein Büroangestellter ist von einem aggressiven Besucher, einem sogenannten Störer, angegriffen worden. Der Angestellte konnte sich selbst in Sicherheit bringen, der Störer verbarrikadierte sich im Büro. Das rief die Einsatzkräfte der Polizei auf den Plan.

Das Anlegen der Körperschutzausrüstung wurde demonstriert, die mit Helm, Schlagstock und kompletter Ausstattung an die 20 Kilo wiegt. „Auch wir sind Menschen und möchten gern am Abend wieder heil zu unseren Familien heimkehren“, sagte einer der Polizisten.

Klaus Tapeser zeigte sich am Ende der Großübung zufrieden, weiß aber, dass es noch jede Menge Luft nach oben gibt. „Wir werden die Beobachtungen von heute minutiös aufarbeiten und dann nach und nach abarbeiten, was noch zu verbessern wäre.“ Ihm ist bewusst, dass ein Großteil der Leute die Einsätze ehrenamtlich stemmt, und das verlangt großen Respekt und Anerkennung. Aber im Ernstfall müssen sich auch alle Beteiligten hundertprozentig aufeinander verlassen können.

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