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SCHWAEBISCHE Zeitung Ravensburg: Die Kühlbox auf dem Beifahrersitz: So sieht die Arbeit eines Ravensburger Impfteams aus

23.02.2021
Das Impfteam an einem kalten Wintermorgen vor dem Start an der Oberschwabenhalle. (Foto: Daniel Eßer/Landratsamt Ravensburg)

Wenn das mobile Impfteam des Ravensburger Kreisimpfzentrums morgens auf Tour geht, dann ist der Beifahrersitz im Mannschaftswagen für die Kühlbox mit dem Impfstoff reserviert.

 

Das in der Regel sechsköpfige Team steuert seit Ende Januar insbesondere die Altenpflegeheime an und impft dort die Bewohner und Mitarbeiter. Der Ravensburger Arzt Dietmar Hawran (66 Jahre alt) geht an zwei Tagen pro Woche mit dem Team auf Tour.

 

Im Gespräch erzählen er und die Krankenschwester Susanne Oettle (52), was die Schwierigkeit bei ihrer Arbeit auf Tour ist und warum sie Kurzentschlossene nicht impfen können.

 

Zum Gepäck gehören auch Seelen

 

Der Arbeitstag beginnt für die Mitarbeiter des mobilen Impfteams meist mit einem Wattestäbchen tief im Rachen – denn ohne ein negatives Schnelltestergebnis, das nicht älter als 48 Stunden ist, dürfen sie die Pflegeheime nicht betreten. Bevor sie auf Tour gehen, wird der über Nacht aufgetaute Impfstoff eingepackt.

 

Zum Gepäck gehören auch Notfallmedikamente, falls jemand allergisch auf die Impfung reagiert – das ist bisher aber laut Hawran noch nicht vorgekommen –, Computer für die Dokumentation, allerlei sonstiges Material – und Seelen, sagt Hawran. Ohne Energiezufuhr lasse sich so ein Impftag nicht durchstehen.

 

Gefahren wird das Team von den Hilfsdiensten, zum Beispiel Johannitern, Maltesern oder Rotes Kreuz. Manchmal gehört auch ein Bundeswehrsoldat oder eine -soldatin zur Gruppe. Die Bundeswehr unterstützt das Ravensburger Kreisimpfzentrum, zu dem das mobile Impfteam gehört.

 

Angekommen in einem Pflegeheim, schaue das Team meist in lachende Gesichter. „Die freuen sich, das ist eine tolle Stimmung“, sagt die gelernte Krankenschwester Susanne Oettle aus Wilhelmsdorf.

 

Und ihr selbst geht es ähnlich wie den Senioren: Sie freue sich – erstens über die Möglichkeit, bei der Bekämpfung der Pandemie zu helfen, und zweitens darüber, dass sie mal wieder unter Leute kommt. Gäbe es keine Pandemie, würde sie wie bisher Feinkost herstellen und ihre Ware auf Messen verkaufen – doch die finden seit Monaten nicht statt.

 

„Ich hatte Unmengen an Zeit und fühlte mich wie ein Tiger im Käfig“, sagt sie. Oettle fährt jetzt drei Mal pro Woche mit dem Impfteam raus.

 

Oettle darf als gelernte Krankenschwester den Impfstoff auch verabreichen. Vorher muss Hawran prüfen, ob die Senioren in einer Verfassung sind, in der sie die Impfung erhalten dürfen. Beide loben die Heime: Alle Papiere seien vorbereitet, die Senioren trügen schon extra T-Shirts, damit es bei der Impfung schnell geht. Für Oettle gibt es meist auch einen ruhigen Platz abseits des Impftrubels, um die Impfspritzen konzentriert vorzubereiten. Probleme gibt es häufig bei der Dokumentation der Impfungen am Laptop per mobilem Internet – je nach Lage des Heims funktioniere das mehr schlecht als recht.

 

Fragen zur Impfung stellen weniger die Senioren, sondern eher die Bediensteten. Kurzentschlossenen kann Hawran allerdings keine Impfung anbieten. Er habe nur so viele Impfdosen dabei, wie vom Heim angemeldet. Nur wenn zum Beispiel ein Bewohner wegen erhöhter Temperatur nicht geimpft werden kann, könne die Dosis an Kurzentschlossene Pfleger oder an Mitarbeiter des Impfteams verabreicht werden.

 

Die Impfbereitschaft beim Heimpersonal liege inzwischen bei etwa zwei Dritteln. „Die Skepsis hat sich gewandelt“, sagt Hawran. „Wenn in Deutschland etwas knapp wird, will jeder ran an das flüssige Gold.“ Er habe sogar das Gefühl, dass die Nachfrage seitens des Personals steige.

 

Lob für Organisation des Impfzentrums

 

Hawran hat sich für die Mitarbeit bei der Massenimpfung entschieden, weil er in Rente ist, Zeit hat und es zu seiner Einstellung passt, wie er sagt: „Ich habe schon überall mitgearbeitet, wo es gebrannt hat.“ Beispielhaft nennt er die Drogensubstitution und die Impfung von Flüchtlingen.

 

Das Landratsamt lobt er: Manchmal erhalte er noch spät abends oder am Wochenende E-Mails, das Impfzentrum sei seinem Eindruck nach unter großem Einsatz aus dem Boden gestampft worden.

 

Am Ravensburger Impfzentrum ist seit Kurzem auch noch ein zweites mobiles Impfteam angedockt. Die meisten Impfdosen, die der Landkreis Ravensburg erhält, werden derzeit von diesen Teams verabreicht. Im Kreisimpfzentrum wird weiterhin nur ein kleiner Anteil von inzwischen 36 Erst- und 24 Zweitimpfungen pro Tag verabreicht. Darüber hinaus fordert der Landkreis nach wie vor noch ein mobiles Impfteam vom zentralen Kreisimpfzentrum in Ulm für die Impfung in Heimen an.

 

Der Vorteil daran: Die Ulmer bringen eigenen Impfstoff mit und greifen nicht auf den überschaubaren Vorrat der Ravensburger zurück. Die Erst- und Zweitimpfung von rund 2400 Heimbewohnern und -mitarbeitern soll bis Ende März abgeschlossen sein.

 

Arzt spricht sich für Impfung im Betreuten Wohnen aus

 

Wie es dann weitergeht, ob dann Menschen im Betreuten Wohnen geimpft werden, stehe noch nicht fest. Die Sprecherin des Landratsamtes, Selina Nußbaumer, verweist auf die Vorgabe des Sozialministeriums, die das bisher noch nicht vorsehe. „Der Impfstoff ist knapp, deshalb müssen wir uns streng an die Verordnung halten“, so Nußbaumer. Die Einrichtungen für betreutes Wohnen wünschen sich, dass sie von den Impfteams angesteuert werden.

 

Auch Hawran sagt: „Wenn wir mit den Heimen durch sind, wäre es sinnvoll, Betreutes Wohnen aufzusuchen. Es ist ja nicht sinnig, dass jeder 80- oder 90-Jährige hier ins Impfzentrum fährt.“ Aber er nimmt die Behörden auch in Schutz: Das Sozialministerium müsse derzeit den Mangel verwalten, deshalb sei kein schneller Fortschritt zu sehen. Dass dies bei einzelnen Bürgern Unzufriedenheit hervorrufe, sei aus seiner Sicht nicht zu vermeiden.

 

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