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SCHWAEBISCHE Zeitung Hohentengen: Helden - Das sind die Menschen, ohne die im Kreisimpfzentrum nichts geht

03.05.2021

Professionell, gut eingespielt und gut gelaunt. So beschreiben die sieben Gesprächspartner der „Schwäbischen Zeitung“ das Team, mit dem sie seit Anfang des Jahres im Kreisimpfzentrum in Hohentengen zusammenarbeiten.

 

An guten Tagen schaffen sie bis zu 950 Impfungen und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Eindämmung der Corona Pandemie.

 

Rund 150 Ärzte und viermal soviel anderes medizinisches Personal hatte sich Ende vergangenen Jahres auf den Aufruf des Landkreises gemeldet. 

 

Es war schnell klar, dass wir nicht alle Interessenten berücksichtigen können. 

 

Professor Franz Konrad, medizinischer Leiter des Impfzentrums

 

Zum Stammteam gehören aktuell zehn Ärzte und knapp 60 andere Mitarbeiter. „Es war schnell klar, dass wir nicht alle Interessenten berücksichtigen können“, sagt Professor Franz Konrad, der medizinische Leiter.

 

„Das hätte die Dienstplanerstellung sehr erschwert und wir hätten nicht so schnell Routine und Effizienz erreicht.“ Bis auf das Wochenende würden deshalb hauptsächlich Kräfte eingeteilt, die Vollzeit zur Verfügung stünden. 

 

Im Falle der Ärzte laut Konrad junge Kollegen, die gerade ihren Facharzt gemacht hätten oder demnächst eine neue Stelle antreten. Die 130 Euro Aufwandsentschädigung, die die Ärzte in Baden-Württemberg für eine Stunde im Impfzentrum erhalten, sei derzeit ihre einzige Einnahmequelle.

 

Abwechslung zum Sanitätsdienst

 

Stefanie Seifert arbeitet eigentlich hauptberuflich als Rettungssanitäterin bei den Maltesern in Sigmaringen. Weil sie sich für die Arbeit im Impfzentrum interessiert habe, sei sie von ihrem Arbeitgeber solange ausgeliehen worden.

 

„So habe ich mal eine kleine Auszeit vom Rettungsdienst und bekomme Einblicke in die Impfabläufe, die mich schon sehr interessieren“, sagt die 27-Jährige. 

 

ie gehört zu einem mobilen Impfteam, das Pflegeheime, Krankenhäuser und Wohnheime für Menschen mit Behinderungen angefahren und Bewohner und Mitarbeiter vor Ort geimpft hat.

 

Neben einer Sanitäterkollegin sind noch ein Arzt und ein medizinisch-technischer Assistent dabei. „Es ist spannend, welch unterschiedliche Meinungen die Menschen zum Impfen haben“, sagt Seifert. „Manche hatten großen Redebedarf.“

 

Für ihre Arbeit im Rettungsdienst will sie diese Erfahrung mitnehmen. „Ich möchte künftig mehr Gespräche mit den Patienten führen, um ihnen Abläufe zu erklären und Sicherheit zu geben“, sagt sie. „Im Einsatz muss vieles schnell gehen, da kommt die Kommunikation manchmal zu kurz.“

 

Für die Organisation im Impfzentrum erhalten die Beteiligten von den Impflingen meist positive Rückmeldungen. „Beschimpfungen und böse Mails nach der Impfung sind Einzelfälle“, sagt  Willi Römpp, der sich um die Verwaltung kümmert. Das Anmeldeverfahren sei vom Bund zentral vorgegeben, darauf habe man keinen Einfluss.

 

Die Zutrittskontrolle am Eingang des Impfzentrums übernehmen Sicherheitsfachleute des DDD Sicherheitsdienstes aus Sigmaringen. Täglich überprüfen sie Termin und Uhrzeit der angemeldeten Impfwilligen, messen bei ihnen die Temperatur und achten darauf, dass sie sich die Hände desinfizieren.

 

Die Nachtschicht ist dafür verantwortlich, dass niemand das Gelände unbefugt betritt und die Kühlung des Impfstoffes nicht durch einen Stromausfall oder Sabotage unterbrochen wird. 

 

Einer von ihnen ist Florian Förster aus Sigmaringen. Der 33-Jährige hat vor Ausbruch der Corona-Pandemie hauptsächlich im Veranstaltungsschutz und bei Sicherheitsdiensten im Bereich der Flüchtlingsunterbringung gearbeitet.

 

Obwohl die Tagesschicht deutlich anstrengender ist, macht sie Förster mehr Spaß. „Ich finde den laufenden Betrieb deutlich interessanter“, sagt er. „Wir haben mit so vielen unterschiedlichen Menschen zu tun und immer entstehen neue Situationen, die gemanagt werden müssen.“ 

 

Da bekommen wir auch schon mal Kekse oder Schokolade mitgebracht. 
Sicherheitsmann Florian Förster

 

Die Mehrheit der Menschen, die geimpft werden, sei sehr freundlich und dankbar. „Da bekommen wir auch schon mal Kekse oder Schokolade mitgebracht“, sagt er.

 

Manche Impflinge machen aber auch ihrem Ärger über das Anmeldesystem, Wartezeiten oder die Corona-Politik Luft. Nach Corona würde Florian Förster gern mal wieder für Sicherheit bei einem Rock-Konzert sorgen. „Oder auch einem Stadtfest, das würde mir gefallen.“

 

Er hat die Ungeduldigen im Wartebereich fest im Blick

 

„Der Ruhestand ist schön, keine Frage, aber als der Landkreis beim DRK angefragt hat, ob es beim Betrieb des Impfzentrums unterstützen kann, habe ich mich sehr gern gemeldet“, sagt Christian Stauss.

 

Er ist 44 Jahre lang hauptberuflich als Rettungsassistent und in der Ausbildung für das DRK im Einsatz gewesen und fühlte sich von den geforderten Aufgaben angesprochen. 

 

Bis vor Kurzem ist er in einem mobilen Impfteam unterwegs gewesen und hat Pflegeeinrichtungen und Wohnheime besucht. „Dort sind wir in der Regel mit viel Freude und Dankbarkeit empfangen worden, weil eine Impfung für Bewohner und Mitarbeiter viel mehr Sicherheit bedeutet“, sagt er.

 

Besonders in Erinnerung sind ihm dabei die Begegnung mit einer 100-Jährigen, die aus ihrem Leben berichtet hat, und einer dementen Frau, die den Arzt für einen jungen Hüpfer gehalten habe, in Erinnerung geblieben. „Auf menschlicher Ebene waren das sehr schöne Erfahrungen.“ 

 

Wenn der nächste zum ärztlichen Aufklärungsgespräch aufgerufen wird, springen meist fünf Personen gleichzeitig auf. 

 

Christian Stauss von der Anmeldung

 

Mittlerweile hilft Christian Stauss nur noch einmal in der Woche im Impfzentrum mit und übernimmt dort oft die Aufgabe, im Wartebereich für Ordnung zu sorgen. „Wenn der nächste zum ärztlichen Aufklärungsgespräch aufgerufen wird, springen meist fünf Personen gleichzeitig auf“, sagt er lachend.

 

Das könne aus Ungeduld oder Nervosität geschehen. Er behalte dann den Überblick und kümmere sich um die Einhaltung der Reihenfolge. Er würde sich wünschen, dass Menschen, die ihren Impftermin nicht wahrnehmen können, auch absagen. „Dann können andere nachrücken.“

 

Im Labor wird der Impfstoff vorbereitet

 

Im Laborbereich des Impfzentrums werden die Impfstoffe verwaltet und für den Einsatz vorbereitet. Dazu gehört bei Biontech, das bei Minus 75 Grad Celsius transportiert und gelagert wird, das Auftauen und Verdünnen.

 

Das übernimmt beispielsweise Simone Lutz. Sie ist pharmazeutisch-technische Assistentin und zieht seit März dem Impfstoff auf Spritzen auf, die dann in den Impfkabinen zum Einsatz kommen. 

 

Die 26-Jährige aus Balingen hat gerade ihr Master-Studium im Bereich Medical Sciences an der Hochschule Sigmaringen abgeschlossen. „Unsere Professoren haben sich dafür starkgemacht, dass wir hier Erfahrungen sammeln können“, sagt Lutz. „So bin ich darauf gekommen, mich hier zu bewerben.“ Sie hat bis vor Kurzem neben dem Studium noch in einer Apotheke gearbeitet, strebt jetzt aber eine Arbeitsstelle im Bereich der Diagnostik und Entwicklung von Testsystemen an.

 

„Die Zeit bis dahin überbrücke ich hier und nehme dabei viele spannende Einblicke mit“, sagt sie. „Hier ist man wirklich nah dran und bekommt die Auswirkungen politischer Entscheidungen direkt mit.“ Das sei etwas ganz anderes als ihre bisherige Arbeit in der Apotheke und sehr interessant.

 

Ärzte haben es bei Aufklärung schwer

 

Für den ärztlichen Leiter des Impfzentrums ,Professor Dr. Franz Konrad, ist der Tag, an dem die Impfungen mit Astrazeneca gestoppt wurden, rückblickend die größte Herausforderung gewesen. „Wir waren gerade dabei, eine große Gruppe an Polizisten zu impfen, die Hälfte war schon durch“, sagt er. „Dann kam ein Anruf aus Mariaberg, wo die Ärztin eines mobilen Teams fragte, ob sie jetzt aufhören solle, zu impfen.“

 

Dass Entscheidungen dieser Größenordnung zuerst über die Medien kommuniziert wurden, sei für die Ärzte sehr schwierig gewesen. „Wir haben die neue Lage dann den Polizisten erklärt und ihnen freigestellt, ob sie geimpft werden möchten oder nicht.“

 

So gut wie möglich versuche er, das Team über aktuelle Entscheidungen und neue wissenschaftliche Erkenntnisse auf dem Laufenden zu halten. Informationen werden am schwarzen Brett veröffentlicht und beim Schichtwechsel kommuniziert. Die wichtigsten Punkte hält er schriftlich fest, damit die Ärzte einen Leitfaden für die Aufklärungsgespräche mit den Impfwilligen haben. „Bei den Gesprächen wird natürlich berücksichtigt, wenn jemand Zweifel am Impfstoff oder viele Fragen hat“, sagt er. „Dafür müssen wir uns die Zeit nehmen, auch wenn es 900 Termine am Tag gibt.“

 

Weil die mobilen Impfteams bald nur noch für die Zweitimpfung unterwegs sind, hat der Organisationsaufwand für Konrad nachgelassen. „Ich werde mir erlauben, bald nur noch halbtags zu arbeiten“, sagt er.

 

arauf ist der Verwalter stolz: Jede Dosis verimpft

 

Seine Frau hat derzeit nicht viel von ihm, das muss Willi Römpp zugeben. Als Leiter der Verwaltung des Kreisimpfzentrums ist er oft von 7 Uhr am Morgen bis in die späten Abendstunden vor Ort. „Aber meine Frau trägt das alles mit. Sie kennt das schon aus meiner Zeit bei den Kreiskliniken“, beruhigt Römpp.

 

„Wenn ich etwas mache, dann richtig.“ Und als er die Anfrage von Landrätin Stefanie Bürkle mit „Ja“ beantwortete, sei die Entscheidung für einen vollen Einsatz getroffen worden.

 

Bereut hat Römpp das nach eigener Aussage nie. Im Gegenteil: „Wir haben ein tolles Team mit lauter verlässlichen und umgänglichen Leuten und ich bin stolz darauf, was wir jeden Tag schaffen“, sagt er.

 

Bis zu 950 Impfungen werden mittlerweile am Tag in Hohentengen verabreicht und dank der Flexibilität von Impfberechtigten und der guten Organisation der Mitarbeiter sei „noch keine einzige Dosis“ übrig geblieben.

 

Natürlich habe es auch kritische und herausfordernde Situationen gegeben. „Als wir 600 Termine umlegen mussten, an den Nachholtagen mehr Impflinge da waren als sonst und dann die EDV ausfiel, war das sehr viel auf einmal“, erzählt er. „Vor allem, wenn dann der Egoismus mancher Menschen durchkommt, die nur an ihre eigene Impfung denken.“

 

Auf Basis der Impfstoffbestandsüberwachung gibt Römpp die Termine für künftige Impfungen frei. Das Interesse an Astrazeneca sei groß. „Wir haben dafür gerade 500 Termine eingestellt, die waren in zwei Stunden vergeben“, sagt er. Es lohne sich also, regelmäßig das Internetportal zu checken.

 

Ich bin das Mädchen für alles. 

 

Egon Kernler von der Anmeldung

 

Wenn im Dienstplan Lücken entstehen, gibt es Menschen wie Egon Kernler. Der Krankenpfleger im Ruhestand aus Krauchenwies kann - abgesehen vom ärztlichen Aufklärungsgespräch - überall einspringen.

 

Und tut das seit Eröffnung des Impfzentrums gerne. „Als ich in der Zeitung von der Suche nach Helfern gelesen habe, dachte ich: Impfen, das kann ich auch“, sagt er. „Heute weiß ich, wie viel Organisation und Planung da sonst noch dranhängt.“ 

 

Wenn er über mehrere Stunden an der Anmeldung mit Impfwilligen ihre Unterlagen durchgegangen ist, Daten ins System eingetragen und kontrolliert hat und eine kleine Pause macht, merke er oft erst, wie anstrengend es gewesen sei.

 

„In allen Bereichen ist höchste Konzentration gefragt, vor allem, wenn wir so viele Impfungen zu stemmen haben“, sagt er. Deshalb gefalle ihm die gute Stimmung im Team besonders.

 

„Hier sind alle freiwillig da und stets hilfsbereit und gut gelaunt.“ Gleichzeitig sei es ein schönes Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Die Menschen, die zur Impfung kommen, erlebt Kernler als sehr gut informiert. 

 

Während er an den Abläufen im Impfzentrum nichts zu kritisieren hat, hätte er sich schon gewünscht, dass der Landkreis bei den Aufwandsentschädigungen für das nicht-ärztliche Personal den vorgegebenen Rahmen mehr ausgeschöpft hätte. Von den möglichen 50 Euro pro Stunde erhalten die Helfer mit 27,60 Euro etwas mehr als die Hälfte.

 

 

 

Redakteurin: Jennifer Kuhlmann

 

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